{"id":726,"date":"2023-07-18T08:33:49","date_gmt":"2023-07-18T08:33:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?p=726"},"modified":"2023-10-30T10:33:16","modified_gmt":"2023-10-30T10:33:16","slug":"wer-strassen-saet-wird-verkehr-ernten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?p=726","title":{"rendered":"Wer Strassen s\u00e4t, wird Verkehr ernten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst, der Verkehr soll fliessen: Der Bundesrat unterst\u00fctzt einen Spurausbau der Autobahn. Doch das f\u00fchrt oft zu mehr und nicht weniger Stau. Es gibt bessere Alternativen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"583\" src=\"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-1024x583.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-727\" srcset=\"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-1024x583.jpg 1024w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-300x171.jpg 300w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-768x437.jpg 768w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-1536x875.jpg 1536w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/iStock-841386132-2048x1166.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bild: iStock<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Lieber Peter Gr\u00fcnenfelder<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesrat hat vorletzte Woche kommuniziert, dass er einen Ausbau der A1 auf der Strecke Bern\u2013Z\u00fcrich und Lausanne\u2013Genf auf sechs Spuren bef\u00fcrwortet. Die einen zeigten sich hocherfreut, die A1 sei chronisch \u00fcberlastet. Andere w\u00e4hnen sich in die 80er- und 90er-Jahre zur\u00fcckversetzt, als die Autopartei Parolen wie \u00abBauen statt stauen\u00bb und \u00abFreie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger\u00bb plakatierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Staus und Verkehrs\u00fcberlastungen sind ein \u00c4rgernis. Sie kosten Nerven und Zeit, Versp\u00e4tungen und verlorene Arbeits- und Freizeit gehen ins Geld. Es ist verst\u00e4ndlich, dass die Politik nach L\u00f6sungen sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als designierter Pr\u00e4sident von Auto Schweiz d\u00fcrften Sie, Herr Gr\u00fcnenfelder, in dieser Debatte bald eine gefragte Stimme sein. Dass Sie bis vor kurzem den liberalen und wissenschaftsaffinen Thinktank Avenir Suisse geleitet haben, wird Ihnen dabei zugutekommen: Denn die empirische Forschung widmet sich seit Jahrzehnten ausgiebig der Frage, welche Massnahmen das formulierte Problem \u2013 zu viel Stau \u2013 wirklich l\u00f6sen. Und welche nicht. Schliesslich ist das ein Problem, das jede dicht besiedelte Region der Welt kennt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, die Ergebnisse sind glasklar. Mehr Spuren f\u00fchren fast immer und \u00fcberall zu mehr Stau. Zu dieser Erkenntnis kommen Verkehrsingenieurinnen und -\u00f6konomen immer wieder. Das Ph\u00e4nomen nennt sich induzierte Nachfrage: eine Erh\u00f6hung des Angebots (zum Beispiel hier von Strassen) f\u00fchrt dabei dazu, dass Menschen dieses Angebot noch st\u00e4rker nachfragen als zuvor. Also: mehr Stau, nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Beobachtet wurde das erstmals 1930, als die Verkehrsplaner von New York erst die&nbsp;Triborough Bridge&nbsp;bauten, um die&nbsp;Queensboro Bridge&nbsp;zu entlasten, dann die&nbsp;Bronx-Whitestone Bridge, um die Triborough Bridge zu entlasten \u2013 und dabei zusehen mussten, wie die Verkehrszahlen auf allen drei Br\u00fccken stiegen, bis alle drei so verstopft waren wie zuvor eine allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst sp\u00e4ter lagen aber genaue Daten vor, die empirische Untersuchungen erm\u00f6glichten: Die bekannteste stammt von den Verkehrs\u00f6konomen Gilles Duranton und Matthew Turner. Sie verglichen die zwischen 1980 und 2000 gebauten Strassen und Autobahnen mit der Anzahl gefahrener Kilometer in den USA. Und stellten fest: Autoverkehr nimmt oft proportional zur Strassenkapazit\u00e4t zu. Erh\u00f6hte eine Stadt ihre Strassenkapazit\u00e4t um 10 Prozent, stieg die Zahl der Autofahrten ebenfalls um 10 Prozent. Wenn sie sie verdoppelte, verdoppelten sich die Fahrten ebenso. Die Forscher ber\u00fccksichtigten dabei auch die Entwicklung der Bev\u00f6lkerungszahl und der Pendler und zogen ein klares Fazit: Doch, es waren tats\u00e4chlich die Strassen selbst, die Verkehr und Stau brachten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Warum ist das so? Ganz einfach: Ein Spurenausbau macht Autofahren attraktiver. Die Menschen fahren \u00f6fter, legen l\u00e4ngere Strecken zur\u00fcck und sind sogar bereit, einen Umweg zu fahren, um dann auf der besser ausgebauten Strasse zu fahren. Zusammen f\u00fchrt das zu mehr Verkehr und Stau. Sp\u00e4testens nach sechs bis zehn Jahren, auch dies zeigt die Wissenschaft, sind die Strassen verstopft wie nie zuvor. Obwohl intuitiv naheliegend, l\u00f6st ein Strassen- und Spurenausbau das Problem nicht. Oder, wie Daniel Goeudevert, fr\u00fcherer Generaldirektor von Citro\u00ebn Schweiz, bereits in den 1970er-Jahren der Branche selbst attestierte: \u00abWer Strassen s\u00e4et, wird Verkehr ernten.\u00bb&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf der Website von Avenir Suisse findet man lesenswerte Beitr\u00e4ge zum Thema. Unter dem Titel \u00abVerpasste Chance\u00bb wird festgehalten: \u00abTeurer Kapazit\u00e4tsausbau statt kluge Verkehrsdrosselung: die helvetische Verkehrspolitik\u00bb. Im Beitrag wird erkl\u00e4rt, dass der Fokus noch immer zu sehr auf Kapazit\u00e4tsausbau und zu wenig auf Verkehrsdrosselung und -lenkung durch Preisanreize liege. Die Forderung: ein echtes, nachhaltiges und faires Mobility-Pricing.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches erh\u00f6ht den Preis f\u00fcr Mobilit\u00e4t, wenn die Nachfrage hoch ist, und reduziert ihn, wenn sie tief ist. Wer den Preis scheut, macht die Fahrt sp\u00e4ter oder vermeidet sie. Es ist ein h\u00f6chst effektives Instrument: In London, Stockholm oder Singapur resultierte eine nachhaltige Verkehrsreduktion. Das ist auch f\u00fcr Schweizer Autobahnstrecken und Grossst\u00e4dte m\u00f6glich. Und f\u00fcr Strasse wie Schiene anwendbar. Es ist auf den ersten Blick wenig popul\u00e4r: warum f\u00fcr etwas bezahlen, das bislang scheinbar \u00abgratis\u00bb ist? Die Verkehrsteilnehmer erhalten aber im Gegenzug mehr Komfort und k\u00fcrzere Reisezeiten. Und die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler werden entlastet \u2013 schliesslich f\u00e4llt das Geld f\u00fcr den Unterhalt von Strasse und Schiene halt doch nicht vom Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch durch \u00c4nderungen in der Arbeitsorganisation, indem Erwerbst\u00e4tige Hauptverkehrszeiten meiden und grosse Ausbildungsinstitutionen ihre Anfangszeiten verschieben, l\u00e4sst sich eine substanzielle Entlastung der Spitzenzeiten am Morgen und Abend erreichen. Es gibt also etliche M\u00f6glichkeiten, Stau und Verkehrs\u00fcberlastung \u2013 so gut wie m\u00f6glich \u2013 zu vermeiden. Ein Kapazit\u00e4tsausbau der Autobahn ist keine davon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss das Auto nicht schlechtreden \u2013 Gewerbe und Landbev\u00f6lkerung insbesondere sind darauf angewiesen \u2013, und es ist richtig, das Stauproblem ernst zu nehmen. Aber: Wir sollten auf die Wissenschaft und clevere Thinktanks h\u00f6ren, wenn wir es wirklich l\u00f6sen wollen, statt einfach auf mehr Beton und Teer zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich z\u00e4hle auf Sie!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fcssen, Kathrin Bertschy<\/p>\n\n\n\n<p><em>Diese Kolumne erschien am 23.05.2023 im Tages-Anzeiger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-color has-vivid-cyan-blue-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?page_id=709\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zu allen Kolumnen<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst, der Verkehr soll fliessen: Der Bundesrat unterst\u00fctzt einen Spurausbau der Autobahn. Doch das f\u00fchrt oft zu mehr und nicht weniger Stau. Es gibt bessere Alternativen. 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