{"id":723,"date":"2023-07-18T08:33:41","date_gmt":"2023-07-18T08:33:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?p=723"},"modified":"2023-10-30T10:33:32","modified_gmt":"2023-10-30T10:33:32","slug":"an-der-em-1989-gabs-noch-ein-buegelbrett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?p=723","title":{"rendered":"An der EM 1989 gabs noch ein B\u00fcgelbrett"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Grosse Ver\u00e4nderungen haben ihren Ursprung vielfach nicht in einem Gesetz, sondern kommen aus der Gesellschaft selbst. So ist das beispielsweise auch mit der Fussball-EM der Frauen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-724\" srcset=\"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nathan-rogers-I9HyW30buuQ-unsplash-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bild: Unsplash \/ Nathan Rogers<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Liebe Lia W\u00e4lti<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fussball-Europameisterschaft der Frauen findet 2025 in der Schweiz statt. Die Engl\u00e4nderinnen werden also hierzulande zur Titelverteidigung einlaufen. Sie, Frau W\u00e4lti, werden die Schweizer Nati als Captain aufs Spielfeld f\u00fchren und die grossen Fussballnationen Europas herausfordern. Es bleiben zwei Jahre Zeit, den Grossevent auf die Beine zu stellen. Ein ambitionierter Zeitplan, welcher im M\u00e4nnersport unvorstellbar w\u00e4re. Doch die Fussballspielerinnen sind ge\u00fcbt darin, einen R\u00fcckstand aufzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Deutschland 1954 im Wunder von Bern das 0:2-Hintertreffen wettmachte und Weltmeister wurde, waren viele der Weltklassespieler noch Amateure. Der M\u00e4nnersport entwickelte sich in den Folgejahren zum Profisport. Das Fussballspiel der Frauen hingegen wurde im Land des Weltmeisters Deutschland zuerst einmal verboten. \u00abIm Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, K\u00f6rper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des K\u00f6rpers verletzt Schicklichkeit und Anstand\u00bb, urteilte der Deutsche Fussballbund damals.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber fussballerische Aktivit\u00e4ten von Frauen wurde daraufhin auch in der Schweiz nicht mehr berichtet. Mit grosser Versp\u00e4tung bekamen die Frauen in Europa Spiellizenzen und eigene Ligen. Doch die sportliche Anerkennung blieb weiterhin verwehrt: Noch 1989 erhielten die deutschen EM-Siegerinnen anstelle einer Pr\u00e4mie ein Kaffeeservice und ein B\u00fcgelbrett \u00fcberreicht. Inzwischen bekommt der Fussball der Frauen mehr Respekt. In Deutschland oder England ist die gesellschaftliche und mediale Beachtung und damit auch die wirtschaftliche Bedeutung massiv gewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die EM 2025 kann auch bei uns viel in Schwung setzen. Doch bis heute k\u00f6nnen die wenigsten Spitzenfussballerinnen von ihrem Beruf leben. Die lapidare Begr\u00fcndung lautet meist, dass der Fussball der Frauen halt weniger popul\u00e4r sei und deshalb weniger Publikum, Geld und Investitionen anlocke. Es wird so getan, als sei dies gottgegeben. Dabei spielen Politik und Medien eine entscheidende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Skisport werden Frauen- und M\u00e4nnerrennen seit je gleichbehandelt. Vreni Schneider wurde einst genauso bejubelt wie Pirmin Zurbriggen. Niemand h\u00e4tte ihre Leistungen damit relativiert, dass Alberto Tomba schneller um die Slalomstangen kurvte. Auch heute werden die Riesenslaloml\u00e4ufe von Lara Gut und Marco Odermatt nicht \u00fcbereinandergelegt. Unterschiede zwischen den Frauen- und M\u00e4nnerrennen k\u00f6nnen der sportlichen Attraktivit\u00e4t nichts anhaben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hauptgrund daf\u00fcr ist ein systemischer: Weltcup-Skirennen werden seit Jahrzehnten vom geb\u00fchrenfinanzierten Schweizer Fernstehen in die Wohnstuben \u00fcbertragen. Die Frauenrennen genauso wie jene der M\u00e4nner. Bei Teamsportarten jedoch \u2013 ganz speziell beim Fussball \u2013 erhielten die Wettbewerbe der Frauen hingegen lange kaum Sendezeiten. In meiner Kindheit wurde im \u00abSportpanorama\u00bb dem Waffenlauf mehr Beachtung geschenkt als dem Fussball der Frauen.Wenn ein geb\u00fchrenfinanzierter Sender beschliesst, ein Spiel zu \u00fcbertragen oder ein Unternehmen sich zum grossen Sponsoring verpflichtet: Dann geschieht nicht \u00abnichts\u00bb. Es ver\u00e4ndern sich auch individuelle Pr\u00e4ferenzen. Es wird Publikum generiert, Investitionen in Ausbildung und Professionalisierung erm\u00f6glicht, der Wettbewerb der Talente angekurbelt. Die Qualit\u00e4t und Attraktivit\u00e4t eines Spiels steigen, das bringt Idole hervor und macht einen Sport popul\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt wenig Bereiche, wo der Grundsatz \u00abAngebot schafft Nachfrage\u00bb mehr zutrifft als beim Sport: Wie aus dem Nichts entstehen alle vier Jahre Tausende von Curlingfans und -fachleute in der Schweiz. Die Erkl\u00e4rung ist einfach: SRF \u00fcbertr\u00e4gt bei den Olympischen Spielen alle Partien live \u2013 eine Zeit lang sogar mit Beni Thurnheer am Mikrofon.<\/p>\n\n\n\n<p>Womit wir bei der Politik w\u00e4ren. SRF agiert auf einem verfassungsm\u00e4ssigen Programmauftrag, den wir im Parlament pr\u00e4zisiert haben. Darin steht, dass SRF die gesamte Bev\u00f6lkerung inhaltlich umfassend versorgen soll und dabei das Verst\u00e4ndnis, den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen f\u00f6rdern soll. Daraus ist kein direkter Auftrag f\u00fcr Fussball\u00fcbertragungen abzuleiten. Aber noch viel weniger ein Auftrag, (fast) nur Spiele der M\u00e4nner zu ber\u00fccksichtigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Politik kann nicht daf\u00fcr sorgen, dass die Nati-Spielerinnen gleich viel verdienen wie Granit Xhaka und seine Nati-Kollegen. Zumindest nicht im Clubfussball, der privat organisiert ist. Was die Politik aber sehr wohl etwas angeht, ist die Frage, ob M\u00e4dchen die gleichen Ausbildungschancen erhalten wie Knaben. Oder die Frage, ob Staats- und Verbandsinvestitionen gleichm\u00e4ssig verteilt werden. Und ganz besonders, ob der Fussball der Frauen im geb\u00fchrenfinanzierten Fernsehen genauso die M\u00f6glichkeit erh\u00e4lt, seine Popularit\u00e4t zu steigern, wie der Fussball der M\u00e4nner dies seit Jahrzehnten konnte. Die j\u00fcngste Entwicklung stimmt mich hoffnungsvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg dazu kann \u00fcber Gesetze laufen \u2013 wie in den USA: Das \u00abTitle IX\u00bb-Gesetz sorgte ab 1972 daf\u00fcr, dass etwa Universit\u00e4tsgelder im Sport f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner gleichberechtigt ausgegeben werden m\u00fcssen. Was verhinderte, dass man \u2013 wie in Europa \u2013 nur einen Bruchteil in den Frauenfussball investierte. Die Folge: Die USA haben Weltfussballerinnen und internationale Idole wie Mia Hamm und Megan Rapinoe hervorgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal aber ist es auch ein gesellschaftlicher und marktwirtschaftlicher Wandel \u2013 indem etwa ein Grossereignis die Bev\u00f6lkerung mitreisst. Die EM 2025 hat genau dieses Potenzial: dass k\u00fcnftig mehr Investitionen in M\u00f6glichkeiten f\u00fcr alle Fussballbegeisterten fliessen. Aber auch f\u00fcr den Respekt Frauen gegen\u00fcber, ihren eigenen Weg zu gehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher wollten die T\u00f6chter wegen dieser Ereignisse die neue Vreni Schneider werden. Heute die neue Lara Gut. In Zukunft noch viel mehr die neue Lia W\u00e4lti, Alisha Lehmann oder Ana-Maria Crnogorcevic. Nur wenn Kinder Profifussballerinnen sehen, ist es f\u00fcr sie denkbar, selbst eine zu werden. Und Vorbilder des eigenen Geschlechts machen Mut, den Horizont weiterzudenken. In allen Lebensbereichen. Mein Fazit als Politikerin und fr\u00fchere Fussballspielerin: Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen erfolgen nicht immer \u00fcber die Gesetzestafel. Sie k\u00f6nnen auch systemisch erfolgen. Damit das funktioniert, braucht es einen wuchtigen Impuls und m\u00fcssen die politischen Rahmenbedingungen gleichberechtigt ausgestaltet sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich auf faire Spiele und strahlende Siegerinnen. Auf grossartige P\u00e4sse und Tore. Ich werde bei Ihren Spielen mit meinen T\u00f6chtern mitfiebern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dankbaren Gr\u00fcssen, Kathrin Bertschy<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Diese Kolumne erschien am 25.04.2023 im Tages-Anzeiger.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-color has-vivid-cyan-blue-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/www.kathrinbertschy.ch\/?page_id=709\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zu allen Kolumnen<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grosse Ver\u00e4nderungen haben ihren Ursprung vielfach nicht in einem Gesetz, sondern kommen aus der Gesellschaft selbst. So ist das beispielsweise auch mit der Fussball-EM der Frauen. 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